Vorschau · Originale exklusiv als NFT
Gegen die Schwerkraft
Eine Wand, die nicht fallen will
An der Rückseite eines überdachten Pergola-Rahmens hängen hunderte Glasflaschen in senkrechten Reihen — Wein-, Bier-, Apotheker- und Mineralwasserflaschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Grün, braun, kristallklar. Manche tragen noch die eingeprägten Schriftzüge ihrer Herkunft: Nordhausen, Maybach — Namen, die längst verschwunden sind.
Verbunden sind sie ausschließlich durch farblosen Silikon. Kein Stahl, kein Draht, kein Gerüst. Sie tragen sich gegenseitig — Flasche trägt Flasche, Reihe trägt Reihe. Und sie trotzen dabei scheinbar der Schwerkraft: von unten wachsend, nach oben strebend, als wollten sie nie fallen.
Der Sockel, auf dem das Werk steht, ist aus Lehm — von eigenen Händen geformt. Kein Fertigmaterial. Kein Beton. Erde.
Im Garten
Das Werk steht inmitten von Wildblumen — Teil eines lebendigen Kleingartens, nicht in einem White Cube. Hier entscheiden Licht, Wetter und Jahreszeit mit, wie das Werk erscheint.
Es steht dort, weil es nur dort entstehen konnte. Der Garten ist nicht Kulisse, sondern Material: der Lehm des Sockels stammt aus dieser Erde, die Flaschen tragen in ihren Prägungen — Nordhausen, Maybach — das Gedächtnis der Region, und neben dem Werk standen die Bienen, Nachbarn im selben Licht. Ein Werk über das Getragen-Werden konnte nur an einem Ort wachsen, an dem Lebendiges einander trägt: Blumen, Bienen, Menschen. Verpflanzt man es, verliert es seinen Grund — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Und genau darum protestiert es — leise, ohne ein einziges lautes Wort — gegen die Schwere, die dem Lebendigen entgegengesetzt wird. Diese Schwere ist am Standort sehr konkret geworden. Den Bienen wurde die Haltung hier schriftlich untersagt, zuletzt verbunden mit der Aufforderung, die Völker zu entfernen — lebende Tiere, die sich nicht auf Frist beräumen lassen. Und der künstlerisch-journalistische Beitrag über das Werk wurde anwaltlich abgemahnt, mit der Forderung, ihn binnen kurzer Frist zu löschen. Ein Werk aus recyceltem Glas, Bienen zwischen Himmel und Erde, ein Text über Licht — alles drei soll verschwinden. Dagegen richtet sich der stille Protest: gegen den Impuls, Wachsendes niederzudrücken, nur weil es sich nicht anordnen lässt.
Das Werk antwortet nicht mit Schriftsätzen. Es demonstriert, jeden Tag aufs Neue, wie Halt ohne Zwang aussieht: kein Draht, kein Gerüst, keine Anordnung — hunderte Flaschen stehen, weil jede jede trägt. Es beruft sich auf kein Amt und keine Satzung, sondern auf ein einziges Prinzip: gegenseitiges Tragen hält fester als jede erzwungene Ordnung. Was sich gegenseitig trägt, muss nicht niedergedrückt werden. Und je stärker der Druck von außen, desto deutlicher ist zu sehen, wofür es steht: Licht, das durch alles hindurchgeht.
© Lichtkunst · zufällig gewählte Fragmentansichten des Gesamtkunstwerkes
Das Werk und die Bienen
Neben der Glasflaschenwand stehen Bienenkästen — leer. Am Boden davor liegen zerstörte Waben, geraubt von Waschbären. Das Licht der Glasflaschen fällt genau auf diese Waben — ein stilles Nebeneinander von Licht und Verlust im selben Garten.
Der Bienenforscher Günther Mancke nannte die Bienen „Wesen zwischen Himmel und Erde”. Genau dort hängen auch die Flaschen. Sie ahmen die Bienen nach: Wie ein Schwarm, der sich Zelle an Zelle an seine Waben baut, hält sich Flasche an Flasche — getragen nicht von Draht oder Gerüst, sondern allein vom gegenseitigen Halt. Auch die Flaschen trotzen der Schwerkraft, so wie die Bienen sich schwebend zwischen Himmel und Erde halten.
So wird die Wand selbst zu einem gläsernen Bienenstock: Reihe an Reihe, Flasche an Flasche — gefüllt nicht mit Honig, sondern mit Licht.
© Lichtkunst · zufällig gewählte Fragmentansichten des Gesamtkunstwerkes
Vision: Die dritte und die vierte Dimension
Das Werk ist unvollendet. Die Vision geht weiter: Wände, die sich gegenseitig tragen, könnten sich zu dreidimensionalen Glas-Architekturen fügen — begehbare Räume, die Licht filtern und verteilen. Skulpturale Gebäude aus Recycling-Glas. Diese Vision bleibt bislang unrealisiert — nicht aus Mangel an Ideen, sondern weil äußere Kräfte den Wuchs des Werkes verhindern.
Und hinter der dritten wartet die vierte Dimension: die Ausdehnung des Werkes in den Äther. Platon kannte neben Erde, Wasser, Luft und Feuer ein fünftes Element — den Äther, den lichten Stoff, aus dem der Himmel selbst gemacht ist. In diese Sphäre wächst das Werk weiter: als Licht, das durch das Glas hindurchgeht und nicht an ihm endet; als Gedanke, der sich im Betrachter fortsetzt; als digitales Abbild, das in der NFT-Kollektion dauerhaft verankert ist. Das Werk endet nicht an seinen Rändern — es dehnt sich dorthin aus, wo keine Schwerkraft mehr gilt.
Titel und Bedeutung
„Gegen die Schwerkraft” ist doppeldeutig:
-
Physikalisch — die Flaschen steigen auf statt zu fallen. Sie scheinen schwerelos. Sie tragen sich gegenseitig, obwohl nur Silikon sie verbindet.
-
Metaphorisch — das Werk feiert die Leichtigkeit: Getragen-Werden statt Fallen, gegenseitiger Halt statt Schwere.
Der Geist des Werkes entspricht dem Gedicht „Was keiner wagt” von Lothar Zenetti:
Was keiner wagt, das sollt ihr wagen — was keiner sagt, das sagt heraus — wo alles dunkel ist, macht Licht.
Glasflaschen, die Licht machen. Buchstäblich.
Material und Technik
- Hunderte Glasflaschen des 19. und 20. Jahrhunderts (recycelt)
- Verbindung ausschließlich durch farblosen Silikon
- Selbst gefertigter Lehmsockel
- Aufgehängt in senkrechten Reihen an einem Pergola-Holzrahmen
- Manche Flaschen tragen noch eingeprägte Herstellerbezeichnungen (Nordhausen, Maybach, u.a.)
Wirkung
- Licht bricht sich in den Glaswänden, streut und fächert sich auf
- Wind geht durch die Zwischenräume — das Werk atmet
- Farbspiel je nach Tageszeit: Grün, Bernstein, Kristallweiß
- Gegen den Himmel betrachtet: die Flaschen werden transparent, der Himmel spiegelt sich in historischen Prägungen
Komm und sieh selbst
Das Werk steht in einem lebendigen Kleingarten in Halle (Saale) — und es lebt von Besuch. Licht, Wetter und Tageszeit entscheiden mit, was du siehst. Kein Foto ersetzt das.
Mach dein eigenes Bild
Fotografiere das Werk mit deinen Augen. Veröffentliche dein Bild, deinen Text, deinen Eindruck — auf deinen Kanälen. Verlinke dabei auf lichtkunst.cc, damit andere den Weg hierher finden.
Ausgewählte Gäste-Perspektiven erscheinen künftig hier in der Sektion „Stimmen aus den Gärten” — und besonders starke Aufnahmen können (mit Einverständnis) Teil der NFT-Kollektion werden.
In der Presse
In der Ausgabe 06/2026 der Verbandszeitschrift „Der Kleingärtner” (LVGSA e.V.) ist ein Artikel über „Gegen die Schwerkraft” erschienen.
Status
- Entstehung: 2023 — laufend (unvollendet)
- Standort: Kleingartenanlage in Halle (Saale), Besuch nach Absprache
- Gelistet in den Mitgliederprojekten des BBK Sachsen-Anhalt
- Urheberrechtlich geschützt nach §§ 2, 14 UrhG
- NFT-Kollektion: getgems.io/againstgravity
Kommentare
Was löst das Werk bei dir aus? Schreib es hier — oder antworte direkt auf einen Kommentar. Jeder Kommentar hat einen eigenen Link zum Teilen.
- Kommentare werden geladen …